Marialaura Rosiello Irvine

S 5000 Retreat

im Interview mit Marialaura Rossiello Irvine – Studio Irvine

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Thonet denken? Und was bedeutet diese Marke für Sie persönlich?

Ich bin quasi auf dem Stuhl Nr. 14 aufgewachsen und war damals immer darauf bedacht, mich nicht auf das Wiener Geflecht zu knien. Dennoch musste es hin und wieder repariert werden – dann brachten wir den Stuhl zum Handwerker unseres Vertrauens an den Hängen des Vesuvs. 
Mir gefällt die Vorstellung, dass es schon immer professionelle Handwerker gegeben hat, die – bis heute – die Qualität der zeitlosen Thonet-Produkte wertgeschätzt haben. Es ist einfach toll, dass die Möbel immer wieder erneuert und damit in ihrer Lebensdauer fast unbegrenzt verlängert werden können.

Ihr Ehemann James Irvine war früher bereits für Thonet tätig. Eines seiner erfolgreichsten Produkte ist das Sofaprogramm S 5000 aus dem Jahr 2007. Nun haben Sie diese Kollektion überarbeitet und ergänzt. Entstanden ist eine eigenständige Produktkategorie mit separaten Raumteilern. Wie ist es dazu gekommen? 

Manchmal ist es nicht notwendig, neue Produkte zu entwerfen, sondern bestehende Projekte können weiterentwickelt werden. Bei Thonet ist dieser Ansatz Teil der Unternehmensgeschichte. James sagte einmal über Thonet: „Ich verstehe jetzt, dass es möglich ist, existierende Produkte neu zu erfinden, die dann vielleicht sogar besser zu unserer Zeit passen, als zum Zeitpunkt ihrer Entstehung." Die Aktualisierung von Produkten ist eine bewusste Haltung gegenüber der sich ständig verändernden Nutzung. Ich nenne es gerne „Ethisches Design“, wenn sich das Unternehmen und der Designer bewusst mit Investitionen und Produktionsabläufen auseinandersetzen. Darüber hinaus wurde das System S 5000 von Anfang an mit dem Gedanken der Modularität konzipiert. Darauf konnte ich nun mit meinem Entwurf zurückgreifen. 

Das Programm S 5000 von James Irvine war bereits eine Neuinterpretation eines Sofatyps, der in den 1930er-Jahren Teil des Thonet-Katalogs war: der Archetyp des minimalistischen Sofas mit einem Sockel aus gebogenem Stahlrohr. Warum haben Sie nicht beschlossen, eine völlig neue Kollektion zu entwerfen?

Das Design von Archetypen, sprich zeitlosen Objekten, die sich perfekt in die Umgebung integrieren, liegt in der DNA von Thonet. Es bestand – zumindest aktuell – keine Notwendigkeit, eine neue Kollektion zu entwerfen. Das S 5000 basiert auf einem Sockel aus gebogenem Stahlrohr, an dem zusätzliche Rohre verschraubt werden, die wiederrum – je nach gewünschter Konfiguration – als Stütze für Polsterelemente fungieren: Die Idee der Flexibilität ist Grundlage des Systems. Darauf ließ sich wunderbar aufbauen.

Die Arbeitswelt verändert sich überall auf der Welt. Co-Working-Spaces und offene Bürokonzepte nehmen zu, jetzt verändert die Covid-19-Pandemie die Arbeitssituation erneut. Was sind die Vorteile des neu entstandenen Programms S 5000 Retreat in diesen Bereichen? Was macht Ihr Produkt so zeitgemäß?

Wir haben vor allem optionales Zubehör wie Trennwände, Arbeitsplatten, kleine Tische oder Steckdosen ergänzt. So entstehen je nach Bedürfnis ganz neue Konfigurationsmöglichkeiten. Alle Produktergänzungen werden wie im ursprünglichen Entwurf an der Stahlrohrbasis befestigt. 
Das S 5000 Retreat bietet auch Lösungen, die auf die aktuelle Situation des Social Distancing angepasst sind. Gleichzeitig kann es an dem Tag, an dem diese Abstandsregeln hoffentlich wieder vernachlässigt werden können, umgebaut werden, indem eine Trennwand entfernt oder weitere Kissen hinzugefügt werden. Wir haben auch freistehende Paneele ins Programm integriert, welche miteinander verbunden werden können, um Inseln im Raum zu schaffen. Unser Ziel war es, die Gestaltung der Konfigurationen offen zu halten, je nachdem, ob intime Modularität oder aber Situationen für mehr Teamarbeit gewünscht sind.
 

S 5000 RetreatPhoto: Giacomo Giannini
S 5000 RetreatPhoto: Giacomo Giannini
S 5000 RetreatPhoto: Lorenzo Bacci

In welchen anderen Umgebungen sehen Sie das S 5000 Retreat?

Ich sehe das S 5000 Retreat sowohl im Contractbereich als auch im Heimgebrauch. Ich stelle mir zum Beispiel ein Modul mit einem kleinen Tisch und Paneelen als einen Ort für Smartworking vor, an dem man zu Hause Ruhe und Konzentration finden kann. Mehrere separate Module, die entweder einzeln stehen oder miteinander verbunden werden, sehe ich im Office-Kontext genauso wie an einem Flughafen. Das streng minimalistische Design kann durch die zahlreichen verfügbaren Farben und Texturen bereichert werden, wobei immer auch Kombinationen verschiedener Farbnuancen der Kissen möglich sind.

Was macht das S 5000 Retreat, das für Thonet ein völlig neuer Produkttyp ist, überhaupt zu einem typischen Thonet-Produkt?

Unternehmen müssen sich heute mit den unterschiedlichen Bedürfnissen des Alltags auseinandersetzen, die sich radikal verändert haben und es stetig weiter tun. Thonet spiegelt die Werte eines Unternehmens mit Historie wider und steht dabei für Beständigkeit, Originale, technisches Know-how und Innovationkraft – im Sinne einer reinen, ethischen Herangehensweise. Das Programm S 5000 Retreat integriert sich in verschiedene Umgebungen und wird, ebenso wie andere Produkte von Thonet, auf diskrete Art seinen Platz einnehmen, ohne aus der Mode zu kommen. 

S 5000 Retreat

S 5000 Retreat
Photo: Giacomo Giannini

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