Mit dem Bugholzstuhl 214 und dem Freischwinger S 33 sind gleich zwei Thonet-Klassiker Teil dieser besonderen Ausstellung. Sie sind Stellvertreter für zwei entscheidende Momente der Designgeschichte und zeigen, wie technische Innovationen den Möbelbau nachhaltig verändert haben.
Im Kapitel „Urban Myths“ begegnen Besucherinnen und Besucher dem Thonet Nr.14, heute 214, einem der erfolgreichsten Stühle aller Zeiten. Kaum ein anderes Möbelstück verkörpert die Verbindung von handwerklicher Innovation, industrieller Fertigung und zeitloser Gestaltung so eindrucksvoll.
Der von Michael Thonet entwickelte Bugholzstuhl revolutionierte im 19. Jahrhundert die Möbelproduktion. Durch das Biegen von massivem Holz mit Wasserdampf entstand eine neue, leichte und zugleich stabile Konstruktion. Noch wichtiger war jedoch die industrielle Denkweise hinter dem Entwurf: Standardisierte Bauteile, Schraubverbindungen und Zerlegbarkeit (Baukasten) ermöglichten eine effiziente Serienfertigung und einen weltweiten Versand. Der Ausstellungstext erinnert dabei an die bis heute berühmte Legende, nach der ein Thonet-Stuhl einen Fall vom Eiffelturm überstanden haben soll – ein Mythos, der seine außergewöhnliche Robustheit symbolisiert. Ebenso legendär ist die Tatsache, dass sich 36 zerlegte Stühle in einer einzigen Transportkiste verschicken ließen.
Mehr als 160 Jahre nach seiner Entstehung gilt der 214 als Sinnbild für demokratisches Design: reduziert auf das Wesentliche, funktional und universell verständlich. Seine Präsenz in der Ausstellung zeigt, wie ein Möbelstück weit über seine ursprüngliche Funktion hinaus zu einem kulturellen Symbol werden kann.
Während der 214 für die Anfänge industrieller Möbelproduktion steht, markiert der S 33 einen radikalen Schritt in die Moderne. Im Ausstellungskapitel „Anecdotes“ wird die Entstehung des Freischwingers als Beispiel dafür erzählt, wie persönliche Erfahrungen und technische Experimente zu bahnbrechenden Innovationen führen können.
Der niederländische Architekt Mart Stam entwickelte 1926 die Idee eines Stuhls ohne Hinterbeine. Sein Ziel war es, eine flexible und komfortable Sitzmöglichkeit zu schaffen. Aus gewöhnlichen Stahlrohren und Rohrverbindern entstand ein Prototyp, der die traditionelle Konstruktion des vierbeinigen Stuhls grundlegend infrage stellte. Das Ergebnis war eine völlig neue Typologie: der Freischwinger.
Mit dem S 33 setzte Thonet diese visionäre Idee in Serie um und verhalf ihr zu internationaler Verbreitung. Das federnde Gestell aus kalt gebogenem Stahlrohr verleiht dem Stuhl eine bis dahin unbekannte Leichtigkeit und Dynamik. Gleichzeitig verkörpert der Entwurf die gestalterischen Ideale der Moderne: Reduktion, Funktionalität und konstruktive Klarheit.
Bis heute zählt der S 33 zu den bedeutendsten Stahlrohrmöbeln des 20. Jahrhunderts. Seine Aufnahme in die Ausstellung unterstreicht, wie eng Designinnovation und menschliche Bedürfnisse miteinander verbunden sind und wie aus einer scheinbar einfachen Idee ein neuer Standard des Sitzens entstehen kann.
Ob Bugholz oder Stahlrohr, ob 19. oder 20. Jahrhundert: Beide Thonet-Modelle zeigen, dass außergewöhnliches Design immer aus dem Zusammenspiel von Innovation, handwerklichem Können und kultureller Relevanz entsteht. In The Day I Saw a Handsome Chair werden der 214 und der S 33 nicht nur als Designklassiker präsentiert, sondern als Protagonisten einer größeren Erzählung über Fortschritt, Mobilität und die Beziehung zwischen Mensch und Objekt.
Die Ausstellung macht deutlich, warum die Geschichte des Stuhls zugleich eine Geschichte der Moderne ist. Und sie zeigt, dass manche Entwürfe nie an Aktualität verlieren. Der 214 und der S 33 gehören zweifellos dazu.