Rot, Blau, Grün: Bei einigen frühen Stahlrohrmöbeln haben sich farbige Bespannungen aus Eisengarnstoff erhalten. Mit Blick auf diese historischen Vorbilder hat Thonet eine Stoffbespannung für die Freischwinger-Modelle S 33/S 34 von Mart Stam entwickelt. Die Variante „Soft“ verleiht der klaren Silhouette der Stühle wohnlichen Charakter.
Jede Zeit erzählt sich ihre eigenen Geschichten über die Vergangenheit – und prägt so das Bild einer Epoche. Dabei sind diese Bilder gar nicht so flüchtig, wie es der Begriff Zeitgeist nahelegen mag, sondern oft erstaunlich stabil. So galt die Moderne der 1920er und 1930er Jahre lange als Epoche einer radikal neuartigen Maschinenästhetik, die mit kühlem Glas und glänzendem Metall den Muff der Vergangenheit überstrahlte. Zum Sinnbild dieser Erzählung avancierten die Stahlrohrmöbel von Stam, Breuer, Mies und anderen. Spätestens seit den 1980er Jahren galten Möbel aus verchromtem Stahl und schwarzem Leder als Synonym für das Design der Moderne. Dass dieses Bild eigentlich nur ein Ausschnitt ist, wissen wir längst. Wir wissen, dass Gestaltung und Architektur damals viel farbiger waren, als die historischen Schwarz-Weiß-Fotos uns lange glauben machten. Wir wissen, dass das Bauhaus lediglich einer von vielen Orten war, an denen der Aufbruch seine Wirkung tat. Und dass neben den Heroen auch viele Heroinnen Designgeschichte schrieben. Thonet fügt dem Bild jetzt eine neue Facette hinzu, anlässlich des 100. Jubiläums der Eröffnung des Dessauer Bauhausgebäudes im Jahr 1926: Die beiden Freischwinger-Modelle S 33 und S 34 von Mart Stam sind nun auch als „Soft“-Variante mit einer Bespannung aus Stoff erhältlich. Stam gilt als Erfinder des hinterbeinlosen Stuhls, 1926 hatte er die Idee erstmals skizziert. Eine bahnbrechende Idee, wie sich schnell herausstellen sollte, die umgehend von anderen aufgegriffen wurde. In der „Soft“-Variante bekommen diese Klassiker der Designgeschichte einen weicheren, wohnlichen Charakter – zumal in Kombination mit farbig pulverbeschichteten Stahlrohrgestellen.
Die textile Bespannung der Freischwinger S 33 und S 34 „Soft“ ist tatsächlich ein Rückgriff auf die Anfänge in den 1920er-Jahren: Denn die frühen Sitzmöbel aus Stahlrohr waren häufig mit dem sogenannten Eisengarnstoff bespannt, neben anderen Materialien wie Hanfgurte, Gummimatten, Rohrgeflecht oder Leder. Als Erstes von Marcel Breuer verwendet, enthielt der Stoff allerdings gar kein Eisen, der Name bezog sich auf die Festigkeit der Textilien. Schon im 19. Jahrhundert entwickelt, wird Baumwollgarn dafür mehrfach gezwirnt und speziell ausgerüstet. Am Bauhaus verbesserte Weberin Margaretha Reichardt das Material weiter, so dass damit Sitzmöbel bezogen werden konnten. Eingespannt in die federnden Stahlrohrgestelle, mussten Sitz und Rückenlehne schließlich einiges an Zug und Druck aushalten können. Tatsächlich haben sich originale Bespannungen aus der Zeit erhalten, und sie beweisen zweifelsfrei: Die Moderne konnte Farbe, mit roten, blauen, gelben, grünen oder beigen Bezügen, teilweise kontrastierend mit farbig lackierten Rohrgestellen.
Heute spielen Eisengarnstoffe nur noch bei der Restaurierung von historischen Stahlrohrmöbeln eine Rolle. Das Problem der Stabilität besteht aber natürlich weiterhin. Im Gegensatz zum kräftigen Kernleder wäre eine einfache Textilbespannung nicht robust und langlebig genug. Thonet entwickelte deshalb für die Freischwinger S 33 / S 34 „Soft“ ein Verfahren mit einem Trägermaterial, das den Stoff stabilisiert und so verhindert, dass er sich verzieht oder ausbeult. Der Vorteil dieser Sandwich-Konstruktion: Die Stühle können mit vielen verschiedenen Stoffen aus der Kollektion von Thonet bespannt werden. Von glatt und fest bis weich, flauschig und voluminös ist alles möglich, je nach Einrichtung und Nutzung lassen sich Aussehen und Textur der Bespannung anpassen. Die „Soft“-Variante erforderte aber nicht nur viel Tüftelei – rund ein Jahr Entwicklungsarbeit stecken in der Lösung –, auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Fertigung bei Thonet in Frankenberg sind gefordert. Die Bespannungen werden zunächst genäht und dann auf die fertig gebogenen Stahlrohrgestelle geschoben. Weil sich jeder Stoff etwas anders verhält, braucht es handwerkliches Geschick und Erfahrung in Zuschnitt und Montage. Das Ergebnis aber zeigt, dass sich unser Blick auf Designobjekte wandeln kann. Jede Zeit hat ihr eigenes Bauhaus. Und im Fall der „Soft“-Variante von Mart Stams Freischwingern trifft sich seine ursprüngliche Intention der Klarheit und Einfachheit wieder mit der damaligen Begeisterung für Farben und Textilien. Pünktlich zum 100. Jubiläum des Bauhaus Dessau und des Freischwingers erzählen die Stühle so eine alte Geschichte neu.