2026 wäre Verner Panton 100 Jahre alt geworden. Kaum ein Designer des 20. Jahrhunderts hat die Grenzen von Form, Farbe und Material so konsequent verschoben wie er. Seine Entwürfe stehen für Aufbruch, Experiment und eine radikal neue Vorstellung von Wohnen. In der Zusammenarbeit mit Thonet traf Pantons visionärer Gestaltungswille auf die industrielle Präzision und Innovationskraft eines der traditionsreichsten Möbelhersteller der Welt.
Verner Panton (1926–1998) verstand Design nie als bloße Formgebung. Für ihn war es ein ganzheitliches Erlebnis. Räume sollten Emotionen auslösen, Möbel sollten nicht angepasst, sondern herausfordernd sein. Während viele seiner Zeitgenossen der Nachkriegsmoderne auf Zurückhaltung setzten, arbeitete Panton mit leuchtenden Farben, organischen Formen und neuen Materialien wie Kunststoff und Schaumstoff.
Sein Ziel war klar: Design sollte das Leben verändern, nicht nur verschönern.
Dass ein so radikaler Gestalter wie Panton mit einem Unternehmen wie Thonet zusammenarbeitete, war kein Widerspruch – sondern eine ideale Ergänzung. Thonet hatte bereits im 19. Jahrhundert mit Bugholz und industrieller Serienfertigung Designgeschichte geschrieben. Diese Offenheit für technologische Innovation setzte sich auch im 20. Jahrhundert fort.
Für Panton bot Thonet die Möglichkeit, seine Ideen nicht nur als Prototypen oder Visionen, sondern als marktreife Produkte umzusetzen.
Bereits Mitte der 1950er Jahre begann Verner Panton, für Thonet mit der Idee des freischwingenden Sitzens zu experimentieren. Der S-Stuhl 275, entworfen 1956 und später zur Serienreife gebracht, zeigt diesen frühen Ansatz besonders deutlich. Aus Buchenschichtholz gefertigt, verbindet er die Tradition des gebogenen Holzes mit einer fließenden, skulpturalen Form. Der Stuhl wirkt wie aus einem Guss – eine formale Vorwegnahme dessen, was Panton später mit Kunststoff realisieren sollte.
Mit dem Armlehnstuhl 270 F führte Panton diese Idee weiter. Auch hier steht die organische Linienführung im Vordergrund, kombiniert mit einer klaren, fast grafischen Farbigkeit. Die verschiedenen Varianten und Sitzhöhen zeigen Pantons Interesse an modularen Systemen und an Möbeln, die sich unterschiedlichen Nutzungssituationen anpassen lassen.
Parallel dazu entstanden für Thonet mehrere Vollpolstersessel, darunter der S 401 und der S 420. Diese Entwürfe verdeutlichen eine weitere Facette von Pantons Arbeit: das Spiel mit Komfort, Körperhaltung und Raumwirkung. Auf Stahlrohrkonstruktionen ruhend, wirken die Sessel trotz ihrer Polsterung leicht und beinahe schwebend. Besonders die Weiterentwicklungen des S 420 – vom Zweisitzer bis zum sogenannten „Verlobtensofa“ oder dem kubischen Viersitzer – zeigen Pantons Verständnis von Möbeln als Teil raumgreifender Wohnlandschaften.
In der Gesamtschau wird deutlich: Pantons Entwürfe für Thonet sind keine Einzelstücke, sondern Teil einer konsequenten Suche nach neuen Formen des Sitzens. Sie verbinden handwerkliche Tradition, industrielle Innovation und eine gestalterische Radikalität, die bis heute nachwirkt.
Was Panton von vielen anderen Designern unterschied, war sein kompromissloser Einsatz von Farbe. Für ihn hatte Farbe eine psychologische, beinahe gesellschaftliche Dimension. In Kombination mit Möbeln von Thonet entstanden Interieurs, die nicht dekorativ, sondern immersiv waren – Räume, in die man eintauchte.
Gerade in einer Zeit, in der Wohnräume oft wieder neutral und reduziert erscheinen, wirkt Pantons Ansatz erstaunlich aktuell.
Zum 100. Geburtstag lohnt sich der Blick zurück – und nach vorn. Pantons Entwürfe stehen heute in Museen, werden gesammelt, zitiert und neu interpretiert. Gleichzeitig stellen sie weiterhin Fragen:
Wie mutig darf Design sein?
Welche Rolle spielen Emotion, Farbe und Experiment in einer funktionalen Welt?
Die Zusammenarbeit mit Thonet zeigt, dass Innovation und Tradition keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig befruchten können.
Verner Panton hat das Design nicht nur geprägt – er hat es provoziert. Sein Werk erinnert daran, dass Gestaltung mehr sein kann als Antwort auf Bedarf: nämlich ein kultureller Impuls.
Zum 100. Geburtstag feiern wir nicht nur einen Designer, sondern eine Haltung: den Mut, Dinge anders zu denken.