Der Bugholzstuhl 214: 2009 feiert er seinen 150-jährigen Geburtstag

Oktober 2008

Der meistgebaute Stuhl der Welt feiert 2009 seinen 150-jährigen Geburtstag: Der Bugholzstuhl 214 von Thonet

Entwurf: Michael Thonet, 1859

 

Als Michael Thonet im Jahr 1859 in Wien seinen „Consumsessel Nr. 14“ präsentierte, konnte er nicht ahnen, dass er den später meistgebauten Stuhl aller Zeiten entworfen hatte. Seit dieser Zeit ist der einstige „3-Gulden-Stuhl“ ausmassiv gebogenem Holz ununterbrochen in Produktion. Bewusst war er so entwickelt worden, dass er für breite Bevölkerungsschichten erschwinglichwurde. Bis heute wurden mehr als 50 Millionen Original-Stühle verkauft, nicht mitgezählt die unzähligen Kopien, die es von diesem Klassiker gibt. Produziert wird der heute „214“ genannte Stuhl immer noch von den Nachfahren Michael Thonets im nordhessischen Frankenberg (Deutschland), dem Firmensitz von Thonet. Im 19. Jahrhundert begründete er den Weltruhm des Unternehmens Thonet.

 

Sechs Bauteile und ein paar Schrauben: Das Revolutionäre am einstigen Nr.14 und heutigen 214 bestand darin, dass er vollständig in seine wenigen Einzelbestandteile zerlegbar war und somit in arbeitsteiligen Prozessen hergestellt werden konnte. So konnte der später so genannte „Wiener Kaffeehausstuhl“ Platz sparend und einfach verpackt in alle Welt importiert werden: In eine Kiste von einem Kubikmeter passten 36 zerlegte Stühle. Sie wurden in die ganze Welt verschickt und vor Ort zusammengebaut – in Europa, Nord- und Süd-Amerika, Asien und Afrika. Deshalb gilt Thonet als Pionier des Industrie-Designs schlechthin. Der heutige 214 gilt als das gelungenste Industrieprodukt weltweit: Mit ihm begann die Geschichte des modernen Möbels.

 

Eine neue, schlichte Ästhetik: Darüber hinaus begründete der Stuhl mit seiner schlichten, schnörkellosen Form und durch seine hohe Funktionalität eine neue Ästhetik. Plötzlich sahen Wohnungen, Cafés und Restaurants ganz anders aus – weniger schwer, weniger üppig. Thonet revolutionierte die Einrichtungswelt dieser Zeit, denn die neuen Stühle waren für die breite Masse aufgrund ihres niedrigen Preises erschwinglich. Ihre Qualität war und ist so gut, dass sie Generationen überlebt. Selbst heute noch sind Stühle aus dem 19. Jahrhundert im täglichen Gebrauch. Die Legende sagt, dass vor der Möblierung des Restaurants im Pariser Eiffelturm ein Stuhl aus 57 Metern nach unten stürzte – und diesen Sturz unbeschadet überstand.

 

Zeitlos, sinnlich, perfekt – Kollegen über den Stuhl der Stühle: Der Stuhl Nr. 14 hat viele Architekten und Designer inspiriert, das Original aber blieb unerreicht. Der Schweizer Architekt Le Corbusier bestätigte, „... dass dieser Stuhl, der in Millionen von Exemplaren auf dem europäischen Festland und in beiden Amerika in Gebrauch ist, Adel besitzt.“ Der dänische Designer Poul Henningsen meinte einmal, wenn ein Architekt einen solchen Stuhl fünfmal so teuer, dreimal so schwer und ein Viertel so schön machte, so könnte er sich damit durchaus einen Namen machen.

 

Der portugiesische Architekt Alvaro Siza meint: „Ein alter Mann oder ein Kind kann ihn ohne Anstrengung tragen. Es gibt Beispiele zur Verbesserung des Entwurfs dieses scheinbar anonymenStuhls, Optimierungsvorschläge von berühmten Architekten (...). Der anonyme Ausdruck weicht nie. Es ist immer noch ein Stuhl, der aussieht wie ein Stuhl. Es ist der Stuhl.“


Und die jungen französischen Designer Ronan und Erwan Bouroullec schreiben: „Die subtile Harmonie seiner Formen, die mit dem bahnbrechenden Bugholzverfahren geschaffen wurde, macht den Stuhl zum zeitlosen Klassiker. (...) Das Design dieses Stuhles, sein sparsamer Materialeinsatz und seine klaren Linien vermitteln ein Gefühl von Leichtigkeit, das die extreme Stringenz der Entwurfsidee und seine revolutionäre Komponente überdeckt. Neben allen funktionalen Eigenschaften hat dieses Objekt noch eine Besonderheit: Vom Thonet 14 geht eine unbegreifliche Sinnlichkeit aus, die das Verlangen nach ihm schürt.“

(Quelle für die letzten beiden Zitate: Mein liebsterStuhl“, hrsg.v. Sandra Hofmeister, München: Callwey 2008)

 

Thonet 2009 – Jahr der Jubiläen: 190 Jahre Unternehmen Thonet • 120 Jahre Thonet am Standort und heutigen Firmensitz Frankenberg/Nordhessen (Deutschland) • 150 Jahre Stuhl 214 („Kaffeehausstuhl“) • 90 Jahre Bauhaus

 

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